Interview mit Hannah – Mutter von fünf

Hundemüde und gleichzeitig hellwach: Das Ein- und Durchschlafen ist nicht nur für Kinder eine Herausforderung. Oft stresst es die Eltern noch viel mehr und das schon bei nur einem Kind. Hannah und ihr Mann haben fünf Kinder - der Kleinste ist zwei Jahre, die Älteste 12 Jahre alt. Von strengen Schlafregeln hat sich die Familie verabschiedet. Ein paar kleine Routinen sind geblieben. Das entspannt alle Beteiligten.

 

murmunto (Verena): Wie sieht ein ganz normaler Abend bei euch in der Familie aus?

Hannah: Tatsächlich ist jeder Abend anders. Mit fünf Kindern wäre ein strenger Abendplan für uns gar nicht einzuhalten. Die Großen gehen an vier Abenden zum Sport, haben unterschiedliche Trainingszeiten und kommen zu unterschiedlichen Uhrzeiten nach Hause. Daher essen die Kleinen vorher und gehen dann meist auch direkt ins Bett. Das würde für sie sonst einfach zu spät.

Einen klassischen Abend als Familie, an dem wir alle gemeinsam am Tisch sitzen, haben wir dreimal die Woche – freitags und am Wochenende.

 

Und wie ist das für die Kleinen? In Ratgebern werden ja meist feste Routinen propagiert. Werden sie unruhig, wenn sie merken, jetzt kommen gleich die Großen? Wenn jeder Abend ein bisschen anders ist?

Das ist einfach so. Sie wissen, dass ihre Geschwister einfach älter sind und daher auch mal länger unterwegs sein dürfen. Früher war das bei uns auch anders, als die Kinder alle noch klein waren. Aber das hat sich im Laufe der Zeit einfach so entwickelt. Aber dafür ist jede Woche in etwa gleich und wir haben statt einer täglichen einfach eine wöchentliche Routine, die den Kleinen Orientierung bietet.

Wenn wir am Freitag und am Wochenende zusammen essen, schauen wir, dass es nicht zu spät wird. Das Essen selbst kann sich dann aber in die Länge ziehen. Wenn alle da sind, hat eigentlich immer irgendjemand etwas zu erzählen. Unser Jüngster sagt tatsächlich manchmal von selbst, dass er jetzt ins Bett möchte. Das darf er dann natürlich auch. Einer von uns Erwachsenen steht dann mit ihm vom Tisch auf. Am Ende gehen die Kleineren aber natürlich ohnehin wieder früher ins Bett als die Großen.

 

Was machen die Großen in der Zeit? Gibt es bei euch das weit verbreitete „warten“ vor dem Fernseher?

Nein. Die Großen gehen dann meist auch ins Zimmer und beschäftigen sich noch selbst ein bisschen. Oft ist es da schon neun Uhr. Sie spielen noch ein Spiel, schauen sich Bücher an oder lesen. Wenn die Kleinen schlafen, bringe ich sie dann der Reihe nach ins Bett.

 

„Abends sollte immer aufgeräumt werden,
denn in einem aufgeräumten Zimmer schläft sich's leichter“

 

Habt ihr dabei spezielle Rituale? Noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen gehört bei vielen Familien beispielsweise dazu.

Das machen wir tatsächlich nicht mehr. Grundsätzlich wird natürlich auch bei uns viel vorgelesen, aber eben nicht mehr direkt vor dem Einschlafen. Wir haben irgendwann gemerkt, dass das unsere Kinder zu sehr aufwühlt. Sie haben noch lange über die Geschichten nachgedacht und konnten einfach nicht einschlafen.

Bei gibt es einen Spruch und ein Lied für jedes Kind beim ins Bett bringen. Dafür nehmen wir uns auch ganz bewusst Zeit – jeweils nur für dieses eine Kind. Auch unser Handy wird dabei verbannt. Es hat weder im Bett noch am Esstisch etwas zu suchen – außer für Fotos. Jedes Kind bekommt beim Einschlafen unsere volle Aufmerksamkeit. Es soll spüren, dass wir in dem Moment voll und ganz für es da sind.

 

Eure tägliche feste Routine beginnt also erst im Bett?

Das Aufräumen vorher würde ich auch dazu zählen. Genauso wie das Umziehen und Zähne putzen. Hier haben wir immer einen festen Ablauf, egal ob mein Mann die Kinder ins Bett bringt oder ich. Im Winter gibt es abends oft noch ein Bad, weil das den Kindern einfach gut tut. Oder sie werden noch mit irgendeinem Öl eingerieben - zur Stärkung. Wenn sie krank oder erkältet sind, bekommen sie abends auch noch einen Wickel. In den Herbsts- und Wintermonaten ist das oft relativ lang der Fall.

Wir hatten auch Phasen, in denen die Kinder sehr schlecht eingeschlafen sind. Fußbäder haben ihnen hier geholfen zur Ruhe zu kommen. Wir haben den Tag quasi mit etwas Besonderem und Schönem abgeschlossen – den Fokus vom Kopf in den Körper und in die Füße verlagert.

  

Gibt es mit Blick auf diese Rituale einen Unterschied zwischen den älteren und den jüngeren Kindern?

Die Großen erzählen einem selbst noch mehr von ihrem Tag. Hier geht es darum, das was sie erlebt haben in einem Gespräch gemeinsam zu verarbeiten. Das ist ein sehr intensiver Austausch. Das muss auch gar nicht immer ewig lang sein. Manchmal sind es nur fünf Minuten. Aber wenn man sich in dieser Zeit wirklich voll und ganz auf das Kind einlässt, können diese fünf Minuten mehr sein als eine halbe Stunde, in der man tagsüber gedanklich nicht wirklich bei der Sache ist.

 

„Mir ist durchaus bewusst,
dass viele Experten zu festen Zu-Bett-Geh-Zeit raten,
aber das funktioniert in so einer großen Familie einfach nicht.“

 

Du hast gerade erzählt, dass ihr die Kinder einzeln und nacheinander ins Bett bringt. Bleibt vom Abend dann überhaupt noch etwas übrig? Das dauert ja gefühlt bei mir mit nur zwei Kindern schon ewig.

Unsere Jungs, die zwei Jüngsten, bringe ich, wenn ich alleine bin tatsächlich zusammen ins Bett. Die beiden schlafen ohnehin gemeinsam. Aber klar, insgesamt bin ich trotzdem mindestens zwei Stunden beschäftigt – wenn alles gut geht. Und ja, das kostet Kraft. Du musst dich schließlich immer wieder auf die einzelne Person einlassen. Aber wir machen das auch gerne.

 

Wann ist bei euch Zapfenstreich? Sprich, wann sind alle Kinder im Bett?

Ehrlich gesagt ist das total variabel. Aber ich denke, dass unsere Routinen den Kindern genauso Orientierung geben, wie eine feste Zu-Bett-Geh-Zeit. Wenn ich mich auf eine Zeit versteifen würde, wäre das für alle nur stressig. Außerdem habe ich über die Jahre gemerkt, dass die Kinder nicht immer zur selben Uhrzeit müde sind. Da ist es schöner, man geht auf jedes Kind ein und richtet sich so gut es geht nach den individuellen Bedürfnissen.

In den Ferien kann es schon mal richtig spät werden. Das hätte ich früher, als die Kinder noch klein waren, nie gedacht. Da war ich froh, wenn um halb acht alle im Bett waren und ich endlich Ruhe hatte. Das gibt es heute so gar nicht mehr. Wenn die Kinder größer werden, schlafen sie einfach nicht mehr so viel. Und abends gehen sie auch nicht mehr so früh ins Bett. Das ändert sich komplett. Es wird die Zeit kommen, wo unsere Kinder nach uns ins Bett gehen.

  

Wirkt sich die unterschiedliche Zu-Bett-Geh-Zeit auf das Schlafverhalten und die Schlafdauer der Kinder aus?

Nein, bei uns überhaupt nicht. Aber vielleicht noch ein kleiner Tipp, der tatsächlich Einfluss hatte: Wir haben gemerkt, dass unsere Kinder schon als Babys besser geschlafen haben, als wir angefangen haben nachts nur noch im äußersten Notfall zu wickeln. Diesen Rat hatten wir von einer Hebamme bekommen. Die Schlafphasen wurden so tatsächlich schnell länger, der Unterschied zwischen Tag und Nacht für das Baby offenbar spürbar.

 

„Durchschlafen wird überbewertet.“

 

Du hast ja mit deinen fünf Kindern den direkten Vergleich: Würdest du sagen, es gibt unterschiedliche Schlaf-Charaktere – ganz unabhängig von Genetik, Ritualen, Umfeld und Erziehung?

Ja, die gibt es definitiv. Und wir hatten aus meiner Sicht tatsächlich auch teils schwierige Schlaf-Charaktere. Einige Kinder haben wirklich schwer in den Schlaf gefunden und auch durchschlafen war ein großes Thema. Aber man muss sich einfach immer wieder bewusst machen, dass Schlafen tatsächlich ein Schlafen-Lernen ist. Es ist nicht so, dass ein Kind von Anfang an unbedingt gut einschläft oder gar durchschläft. Das hat die Evolution auch gar nicht so vorgesehen.

Außerdem gab es bei uns Kinder, die gerne jemanden dicht bei sich hatten beim Schlafen. Andere wiederum brauchten mehr Platz und sagten von selbst, dass die lieber alleine schlafen wollen. Ganz allgemein lässt sich sagen: Je älter die Kinder wurden, desto besser haben sie geschlafen.

 

Wie seid ihr mit den "schwierigen Schlaf-Charakteren“, wie du sie eben genannt hast, umgegangen? Hast du da irgendwelche Tipps?

Gelassenheit! Ich wünschte, ich hätte mein Wissen und meine Gelassenheit von jetzt damals schon gehabt. Also neue Mutter hat man einfach keinen Erfahrungswert. Es ist alles ganz neu und man kennt sich mit Vielem nicht aus. Außerdem haben alle eine Meinung, die sie auch kundtun. Das Kind müsse schon durch schlafen, es müsse im eigenen Bett schlafen. Das kam sogar von einem Arzt.

Die Worte anderer gingen an mir damals leider nicht immer spurlos vorbei. Mittlerweile ist mir egal, was andere sagen. Ich weiß, dass jedes Kind irgendwann entspannt und freiwillig im eigenen Bett schläft, so wie es zu ihm passt – ganz ohne Druck und irgendein Schlaftraining. Wann das ist, variiert von Kind zu Kind und von Familie zu Familie. Hätte ich das vorher schon gewusst, hätte uns das sehr, sehr viel Stress erspart – sowohl den Kindern als auch uns Erwachsenen.

 

„Ich würde der jungen Hannah-Mama von damals wünschen,
sie hätte schon meinen Erfahrungswert von heute
und damit schon viel mehr Gelassenheit.“

 

Wie ist das aktuell bei euch? Wo schläft wer? Und bekommt ihr nachts noch Besuch?

Wenn die Kinder beispielsweise kränklich sind, dann kommen selbst die großen noch ab und an zu uns. Und immer, wenn ein Baby neu zur Familie dazugekommen ist, dann durften tatsächlich auch alle Kinder wieder zu uns ins Bett ziehen für die erste Zeit. So konnte jeder seinen Platz in der Familie wieder neu finden und keiner fühlte sich ausgeschlossen. Aber die Kinder sind auch selbständig wieder ausgezogen - entweder, wenn es ihnen dann doch zu eng wurde oder als sie sich einfach sicher gefühlt haben.

 

Da drängt sich zum Schluss noch eine ganz praktische Frage auf: Wie sieht denn euer Bett aus?

Wir haben ein Zwei-mal-zwei-Meter-Bett und nebendran noch ein sogenanntes Zwergen-Bett. Mittlerweile wird es uns aber tatsächlich manchmal zu voll und es kann passieren, dass einer der Erwachsenen nachts auszieht.  Aber zu fünft schaffen wir es locker, gemeinsam im Bett zu schlafen. Das macht uns gar nichts aus. Wenn jemand ganz viel Platz beim Schlafen braucht, geht das natürlich nicht. Aber für uns passt das.

Ehrlicherweise finde ich es auch angenehmer, wenn die Kinder zu uns kommen, als wenn ich selbst in der Nacht immer wieder aufstehen müsste, um in die jeweiligen Kinderzimmer zu gehen. So bekomme ich einfach mehr Schlaf.

  

… und wie ist es bei den Zimmern. Gibt es da irgendwelche Besonderheiten?

Unser Schlafzimmer ist sehr clean eingerichtet – ruhige Farben, wenig Deko. Die Kleinen haben ein Schlaf- und ein Spielzimmer. Durch diese Trennung kann der Geist nachts aus meiner Sicht besser zur Ruhe kommen. Bei den Großen ist das etwas anders. In ihren Zimmern steht natürlich ein Schreibtisch und sie haben dort auch einige Spielsachen. Aber nur das, was man abends auch ordentlich wegräumen kann. Davon kann man halten, was man möchte. Bei uns ist es definitiv so: Unsere Kinder schlafen in einem aufgeräumten Zimmer besser.

Beim Durchschlafen hilft ein Zimmer, das Ruhe ausstrahlt, genauso wie das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Apropos Geborgenheit: Wir nehmen aus diesem Grund auch immer unsere eigenen Decken und Kissen mit in den Urlaub. Wir finden, im eigenen Bettzeug schlafen die Kinder und wir einfach besser.